Thiem am Zenit: Triumph in New York hievt ihn in neue Liga

Nun steht Dominic Thiem am Zenit. Und gleichzeitig hat er alle Chancen, der erfolgreichste österreichische Tennisspieler aller Zeiten zu werden. Mit dem ersten Grand-Slam-Triumph eines Österreichers auf Hartplatz bzw. dem zweiten Major-Sieg nach Thomas Muster (French Open 1995) hat sich der 27-Jährige in neue Dimensionen gespielt. Thiem hat seinen Top-3-Platz vorerst einzementiert.

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Allein sein nunmehriges Karriere-Preisgeld spricht Bände: Thiem überbot mit dem 3 Millionen-Dollar-Scheck (2,53 Mio. Euro) nach dem dramatischen Fünfsatz-Sieg über Alexander Zverev (GER) klar die 25-Millionen-US-Dollar-Marke, hält nun schon bei 26,917 Mio. Dollar. In seinem vierten Major-Endspiel bzw. fünften ganz großen Finale (inklusive den ATP Finals vergangenen November) schaffte Thiem den endgültigen Durchbruch zum Weltstar aus Lichtenwörth.

Zweifler an der Karriere Thiems hat es zuletzt kaum noch gegeben, nun sind die letzten verstummt. Der Leistungssprung, den der lange als Sandplatz-Spezialist bezeichnete Thiem allein 2019 auf Hartplatz gemacht hat, ist frappant: Von fünf Turnieren, die er 2019 gewonnen hat, hat er drei auf Hardcourt geholt.

Schon in Indian Wells (erster Sieg auf Masters-1000-Niveau) mit dem Finalsieg über Roger Federer (SUI) hatte Thiem angedeutet, dass er bereit für den nächsten Schritt ist. Zudem gelang ihm 2019 endlich vor eigenem Publikum der Durchbruch: Titel in Kitzbühel und Wien: das war zuvor keinem Österreicher gelungen war, schon gar nicht im selben Jahr.

Nach seinem bisher erfolgreichsten Jahr holte sich Thiem Anfang 2020 mithilfe seines Managers Herwig Straka zu Jahresbeginn auch noch Thomas Muster als Berater für 20 Wochen ins Boot. Dieses "Experiment" ging aber schief - und Thiem vollzog einen beachtlichen Schritt: Weil die Charaktere Muster und Thiem nicht so harmonierten wie es sich der Youngster vorgestellt hatte, trennte er sich noch während der Australian Open schon nach der zweiten Runde vom Steirer. Und verlor dann erst im Endspiel in Melbourne nach 2:1-Satzführung gegen Novak Djokovic.

Dominic Thiem ist all den Vorschuss-Lorbeeren, die er schon im Teenager-Alter erhalten hatte, gerecht geworden. Den Grundstein dazu hatte er mit seinem Langzeit-Coach, Mentor und Manager Günter Bresnik ab dem achten Lebensjahr gelegt. Thiems Eltern Wolfgang und Karin sind nicht nur selbst Tennis-Lehrer, sondern schenkten Bresnik schon früh das bedingungslose Vertrauen. Bresnik formte aus dem Rohdiamanten Thiem, der schon in frühen Tagen die Jugend-Szene dominiert hatte, einen sportlichen Edelstein, dessen ästhetische Spielweise ihm weltweit viele Fans gebracht hat.

Dabei war es nicht immer einfach für Thiem: Besonders als Bresnik dem zwölfjährigen Thiem die beidhändige Rückhand abgewöhnte. Bresnik wusste aber, dass Thiem weder mit diesem "B-Hander", noch mit dessen viel zu passivem Spielstil dorthin kommen würde, wo er hin will. Plötzlich, als Bresnik dem Schützling die zweite Hand vom Schläger weggenommen hatte, verlor Thiem reihenweise Matches. Die Trainer-Szene schüttelte den Kopf, wie Bresnik u.a. auch in seinem Buch "Die Dominic Thiem Methode" eindrucksvoll beschreibt, doch der Blick war in die Zukunft gerichtet.

"Der Bursche hat mich kein einziges Mal gefragt, wann das Training vorbei ist", erzählte Bresnik. Diese Einstellung Thiems, aber auch der gewaltige finanzielle und zeitliche Einsatz der gesamten Familie Thiem war für Bresnik ein wichtiger Grundpfeiler für den Erfolg. Bresnik nahm sogar abseits des Courts Einfluss auf die Erziehung Thiems, dessen Eltern auch dies zuließen.

Im Jahr 2019 kam der Bruch mit Bresnik nach 17 Jahren. Schrittweise wurde zunächst der im Februar verpflichtete Touring-Coach Nicolas Massu zum Hauptcoach und nur wenige Tage vor den French Open kam nach wochenlangen Verhandlungen die Trennung auch vom Manager Bresnik. Die Funktion Trainer/Manager wurde gesplittet, der neue Manager war Herwig Straka.

"Hoffentlich war es der letzte große Schritt in meiner Karriere, der mich zu den ganz großen Erfolgen führt. Deshalb habe ich es gemacht. Natürlich haben ein paar andere Dinge auch eine Rolle gespielt", erklärte Thiem kurz danach. Aber er werde Bresnik immer dankbar sein. "Günter hat mich von einem Kind, das nicht Tennis spielen hat können, bis ganz nach oben geführt, was ein Wahnsinn ist", sagte Thiem.

Ein Schritt, der sich bezahlt gemacht hat: "Natürlich hat sich mein Spiel auf Hartplatz sehr verbessert, seit ich mit Nico arbeite", meinte Thiem bei der Siegespressekonferenz in Flushing Meadows. "Auch meine Einstellung hat sich geändert, dass viele meine Schläge super auf Hartplatz funktionieren."

Für den auch auf der ATP-Tour wegen seiner Bescheidenheit, seiner guten Manieren und seiner Freundlichkeit beliebten Niederösterreicher sind Begegnungen mit den Legenden dieses Sports wie Roger Federer, Rafael Nadal oder Novak Djokovic Normalität. Längst ist er nicht nur anerkannt, sondern auf dem Platz gefürchtet. Thiem hat alle Größen schon mehrmals geschlagen. Gegen Federer hat er nun sogar eine 5:2-Bilanz an Siegen.

Die Vergleiche mit dem großen Thomas Muster, den bis zu jenem 13.9.2020 einzigen Major-Einzel-Sieger aus Österreich, waren schon länger angebracht. Der mittlerweile 17-fache Turniersieger hat sich mit dem Titel in New York nun auch den US-Markt geöffnet. Er hat die Schläge, die Liebe zum Sport, die Einstellung und den nötigen Familien-Rückhalt, um die Fußstapfen des 44-fachen Turniersiegers, French-Open-Champions und Ex-Weltranglisten-Ersten Muster zu füllen. Auf Grand-Slam-Ebene hat Thiem den Leibnitzer mit dem Titel sowie drei weiteren Finali schon übertroffen.

Thiem ist am 6. Juni 2016 nach seinem ersten Einzug ins Halbfinale von Roland Garros erstmals in die Top Ten eingezogen. Nicht ein Mal ist er seither aus diesem Kreis herausgefallen, ein Beweis für Stabilität und Konstanz auf hohem Niveau. Eine Art "Ritterschlag" hatte Thiem während der French Open 2019 von Roger Federer erhalten. Thiem hatte wegen Serena Williams vorzeitig den großen Interview-Raum verlassen müssen. Befragt dazu, wie so etwas einem Weltranglisten-Vierten passieren könne, der ein... "ein Superstar ist. Männlicher Superstar. Ich weiß nicht, was da falsch gelaufen ist", komplettierte der 20-fache Major-Sieger die Frage.

Worte, die Thiem mit Freude, aber in aller Bescheidenheit zur Kenntnis nahm. Der aus Lichtenwörth stammende Thiem gilt seit Jahren als einer der ästhetischsten Spieler auf der Tour. Seine einhändige Rückhand schlägt er wie aus dem Bilderbuch, seine Vorhand erreicht Drallgeschwindigkeiten, die selbst Rafael Nadal überbieten, und auch sein Kick-Aufschlag ist gefürchtet.

Mit der Verpflichtung des angesehenen Physiotherapeuten Alex Stober Ende 2015 und dem erneuerten "Thiem-Team" mit Massu und dem Fitness-Coach Duglas Cordero, der Thiem ebenso wie in Österreich Mike Reinprecht körperlich in Topzustand gebracht hat, ist Thiem bestens aufgestellt.

Ein Manko war vielleicht die Turnierplanung, deren Opfer Thiem manchmal wurde. Doch gemeinsam mit Neo-Manager Straka und Massu hat er diese angepasst. Straka sieht jedenfalls großes Potenzial, wie er der APA schon im Mai des Vorjahres in Paris verraten hat. "Ich glaube, er kann mehr werden, als der neue Andy Murray. Er kann der neue Nadal, Federer, Djokovic der neuen Generation werden, die zehn Jahre jünger sind", sagte Straka.

Bleibt Thiem gesund, dann kann er ein echter Superstar werden, für viele Tennisfans weltweit ist er es schon. "Ich glaube wirklich, dass 2020 für mich sogar noch besser werden kann", hatte Thiem schon in London angekündigt. Und es im Coronakrisen-Jahr bewiesen.




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