Muster schrieb vor einem Vierteljahrhundert Sportgeschichte

Dominic Thiem ist ihm mit drei Grand-Slam-Finali (zwei in Roland Garros sowie 2020 bei den Australian Open) schon sehr nahegekommen: Noch ist aber Thomas Muster ein Vierteljahrhundert nach seinem Triumph bei den French Open der einzige Österreicher, der einen Einzel-Sieg bei einem der vier Tennis-Grand-Slam-Turniere gefeiert hat. Die Sternstunde des Steirers jährt sich am Donnerstag zum 25. Mal.

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Sein großes Ziel erreichte Muster am 11. Juni 1995

2020 ist der 11. Juni zu Fronleichnam, doch damals war dieser Erfolg ein Feiertag für den österreichischen Sport. Um 17.22 Uhr MESZ verkündete der Schiedsrichter an jenem 11. Juni 1995 "Spiel, Satz und Sieg Muster" - und Thomas Muster war das Husarenstück bei den French Open gelungen. Als erster Österreicher gewann der damals 27-jährige Steirer ein Major-Turnier in der Weltsportart Tennis im Einzel.

Nach dem 7:5,6:2,6:4-Erfolg über den als Nummer sechs gesetzten US-Amerikaner Michael Chang war allen Beteiligten bewusst: Hier wurde österreichische Sportgeschichte geschrieben. Für Muster war es im Stade Roland Garros sein größter Sieg, es sollte bei am Ende 44 Turniertiteln sein einziger Grand-Slam-Triumph bleiben. Muster kletterte am Montag danach in der Weltrangliste auf Platz drei.

Das Jahr 1995 blieb aber auch aus anderen Gründen ein herausragendes in der Karriere des Leibnitzers: Insgesamt zwölf ATP-Titel holte Muster in diesem Jahr und schuf damit die Grundlage für den nächsten Meilenstein für Österreichs Sport: Am 12. Februar 1996 erklomm Muster, mitten in der auf Montag vertagten "Verlängerung" des Davis Cups in Johannesburg, für insgesamt sechs Wochen Platz eins im ATP-Ranking.

25 Jahre später ist man im Stade Roland Garros auf der Suche nach einer Spur von Thomas Muster erfolglos. Auf dem gesamten Areal gibt es im Gegensatz zu anderen Großturnieren keine "Palmarés", also eine in Stein gemeißelte Siegerliste. Die letzte Spur Musters wurde ausgerechnet Anfang Juni dieses Jahres abgerissen: Die legendäre "Stierkampf-Arena", der Court 1, wurde Opfer des Modernisierungsschubs der Anlage im Westen von Paris. Am oberen Rand des kreisrunden Stadions befanden sich dort Ehren-Steinplatten mit den jeweiligen Siegern in den Jahren. Auf einer steht "1995 T. Muster S. Graf". Die Platten wurden aber nicht zerstört, sondern sind derzeit zwischengelagert und finden möglicherweise bald den Weg ins Tennis-Museum auf der Anlage.

Muster sind solche Details egal, den Moment des Triumphes hat er aber in lebhafter Erinnerung. "Es ist wie ein Film, der abläuft. Es ist wie im Zeitraffer von der Kindheit weg bis dorthin", erklärte der mittlerweile 52-jährige Steirer am Montagabend auf ServusTV. "Der Druck, der abfällt - es ist eine unbeschreibliche Situation, wenn so ein Traum in Erfüllung geht." Dabei sei er gar nie so ehrgeizig gewesen, wie er dargestellt worden sei, verriet Muster. "Man wird zu etwas gemacht."

Zu seinem Nachfolger ist längst Dominic Thiem auserkoren. Am vergangenen Sonntag hätte der Roland-Garros-Champion 2020 gekürt werden sollen, doch die Coronavirus-Pandemie hat den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung gemacht. Thiem wäre auch dieses Jahr erster Herausforderer des bisher schon zwölfmal an der Seine siegreichen Sandplatz-Königs Rafael Nadal gewesen. Der 26-jährige Weltranglisten-Dritte aus Lichtenwörth hat jedenfalls das Zeug dazu, den "Coupe des Mousquetaires" als zweiter rot-weiß-roter Spieler zu holen - möglicherweise noch in diesem Jahr, sollte Roland Garros tatsächlich im September/Oktober nachgetragen werden.

Unabhängig davon sind die sportlichen Heldentaten von Thomas Muster unvergessen. Für Muster selbst ist der Blick zurück eigentlich eher unüblich. "Das Leben geht weiter und ich bin keiner, der in der Vergangenheit lebt", meinte er einmal. Vor dem 25. Jahrestag tat er es dann aber doch.

Die Emotionen an jenem Tag waren groß. Aufgrund seiner tollen Sandplatz-Siegesserie und in Erinnerung an das verlorene Halbfinale gegen Andres Gomez 1990 hatte sich Muster selbst den größten Druck gemacht. "Im ersten Moment war ich sprachlos. Kein Mensch kann sich vorstellen, was sich hier für ein Druck in einem aufstaut", sagte Muster nach dem größten Triumph seiner Karriere und ließ sich tief in die Seele blicken: "Ich war wie eine Geisel, der Matchball wie die Befreiung. Es ist ein fantastisches Gefühl!"

Ein Gefühl, das er danach in Abgeschiedenheit im familiären Kreis und beim Fischen auskostete. Noch am gleichen Sonntagabend flog er nach Hause, von den heute üblichen Siegesposen mit der Trophäe am Tag darauf oder gar noch einer Pressekonferenz war keine Rede. Die Medien- und Vermarktungsmaschinerie ist ein Vierteljahrhundert später um ein Vielfaches angewachsen.

Auf der Suche nach "Toms" Nachfolgern innerhalb Österreichs sind einige Karrieren zerbrochen oder zumindest beeinträchtigt worden. Am nächsten kam dem Steirer zunächst 2010 Jürgen Melzer, als dieser erst im Halbfinale der French Open verlor. Nun ist Thiem mit vier Semifinali bzw. zwei Finali en suite allein in Paris seit 2016 in der Pole Position.




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