Einstiger Muster-Coach Leitgeb tritt leiser

Er war Coach und Manager von Thomas Muster, hat Davis-Cup-Länderkämpfe organisiert, war ÖTV-Davis-Cup-Kapitän und später auch -Präsident und zuletzt auch Manager von Jürgen Melzer und Nachwuchsmann Lucas Miedler. Um Ronald Leitgeb ist es aber u.a. wohl auch wegen eines langwierigen Prozesses, in dem er im April dieses Jahres freigesprochen wurde, sehr ruhig geworden.

Im Gespräch mit der APA - Austria Presse Agentur äußerte sich der 59-jährige Wahl-Spanier, der zu Ehren von Jürgen Melzers Abschied in Wien weilte, u.a. über seine Perspektiven, zur Davis-Cup-Reform, der Entwicklung Dominic Thiems und zur anhaltenden Sportstätten-Diskussion.

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Leitgeb arbeitete einst erfolgreich mit Muster zusammen

APA: Man hat Sie jetzt sehr lange nicht in der österreichischen Tennis-Szene gesehen. Mussten Sie nach all den Jahren etwas Abstand gewinnen?

Ronnie Leitgeb: "Ja. Die Summe der Ereignisse hat es eigentlich gerechtfertigt, einmal ein bisschen Abstand zu nehmen."

APA: Allerdings nur von Österreich, nicht vom Tennis allgemein, richtig?

Leitgeb: "Nein, ich bin nach wie vor im Tennis aktiv und habe ja das Turnier in Lyon, das ich nach wie vor gemeinsam mit meinen französischen Partnern veranstalte. Wir haben jetzt ein neues Turnier in Marbella, das wir in den nächsten Jahren entwickeln werden. Und natürlich liegt mir auch der Jürgen Melzer emotional sehr nahe."

APA: Ist die Zusammenarbeit mit Lucas Miedler noch aufrecht?

Leitgeb: "Wir haben jetzt noch einen Vertrag und werden am Jahresende schauen, wohin die Reise geht. Ich glaube, ich habe ihm in den letzten zwei, drei Jahren ein paar Initialzündungen gegeben. Er hat sich heuer stabilisiert, jetzt gilt es dann auch für ihn, große Entscheidungen zu treffen, um auch den Sprung ins richtige Profitennis zu schaffen."

APA: Sie waren kurz beim Davis Cup in Graz zur Ehrung von Thomas Muster, jetzt sind Sie in Wien bei Jürgen Melzers Abschied. Ist das jetzt ein Abschied auf Raten auch für Sie aus dem österreichischen Tennis oder könnte es auch ein Start für etwas Neues sein?

Leitgeb: "Nein, ich würde schon sagen, ich werde nächstes Jahr 60 und bin jetzt über 30 Jahre im Tennis unterwegs gewesen. Davon viele Jahre vielleicht megaintensiv sowohl als Trainer als auch als Davis-Cup-Kapitän und als Veranstalter. Wenn man dann einmal sagt, man ist jahrelang auf einen Berg hinaufgestürmt und hat eine tolle Aussicht über die ganze Welt gehabt, dann kommt irgendwann die Lebensphase, wo man sagt, jetzt gehe ich mit Bedacht und Genuss den Berg vielleicht etwas ruhiger hinunter."

APA: Doch so ganz werden Sie den Bezug zum Tennis auch in Zukunft nicht verlieren.

Leitgeb: "Nein. Die Beziehung zum Tennis ist nach wie vor da, gerade auch in Marbella, wo zum Beispiel Novak Djokovic sehr viel trainiert und sein jetziger Manager mein ehemaliger Büroleiter war in Monte Carlo. Da gibt es ein Naheverhältnis. Ich freue mich sehr zum Beispiel, dass ich dem Novak nach der zweiten Runde in Wimbledon gesagt habe, 'du wirst das Turnier gewinnen' (lacht). Die Liebe zum Tennissport wird bleiben und auch die Erfahrung, und wenn sie gefragt ist, gebe ich sie auch gerne weiter. Sonst versuche ich, auch die andere Seite des Lebens zu genießen."

APA: Mit Talenten um die Welt tingeln, diese Zeit ist aber wohl vorüber.

Leitgeb: "Wenn man 30 Jahre, 26 bis 30 Wochen im Jahr im Hotel gelebt hat, will man das irgendwann einmal nicht mehr. Ich möchte jetzt schon gerne jede Woche im selben Bett schlafen."

APA: Wo haben Sie jetzt Ihren Lebensmittelpunkt?

Leitgeb: "In Spanien in einem kleinen Ort in der Nähe von Marbella (Benahavis, Anm.). Ich genieße dort ein ganz einfaches und ruhiges Leben."

APA: Wie sehen Sie die aktuelle Situation im österreichischen Tennis und was sagen Sie zur Davis-Cup-Reform?

Leitgeb: "Ich denke, dass man mit viel Geld Tradition zwar zerstören kann, aber nicht abkaufen. Wäre ich noch in der ITF gewesen, hätte ich mich sicher sehr stark dafür eingesetzt, dass der Davis Cup nicht dieses Format bekommt. Ich glaube, dass das ein ganz starkes historisches Bindeglied ist, dieser Nationalstolz, den speziell ein Land wie Österreich mit seinen Spitzenspielern im Davis Cup vertritt. Das sieht man jetzt, wo Dominic endlich sein Commitment gegeben hat. Ich sage wirklich endlich und das mit großer Freude. Wie das gleich wieder eine andere Tennis-Stimmung macht, hilfreich ist natürlich für den Verband und die Nachwuchsarbeit, aber auch hilfreich für andere Spieler, die sagen, ich habe jetzt die Chance, gemeinsam mit Dominic ein starkes Davis-Cup-Team zu bilden."

APA: Glauben Sie, dass das neue Format keine Zukunft hat?

"Ich halte von dem neuen Format relativ wenig, das hilft den großen Nationen und ein paar wenigen Spielern. Heimspiele für kleine Länder, ein Event über drei Tage, dieses 'best of five': das hat den Davis Cup ausgemacht. Ich bin schon etwas irritiert, wie sich die ITF da um Geld, das erst einmal verdient werden muss, diese lange Tradition hat abkaufen lassen. Man wird mittelfristig sehen, dass das wahrscheinlich eine große Verwirrung auslösen wird im Zusammenhang mit ATP-Finale, mit dem Laver Cup, dem World Team Cup. Wir haben ja schon so Phasen gehabt mit einem Grand-Slam-Cup, der dann auch nicht überleben konnte."

APA: Wie sehen Sie Thiems Entwicklung selbst? Was ist da aus Ihrer Sicht noch drinnen?

Leitgeb: "Er ist jetzt gerade im besten Tennis-Alter. Das Finale heuer in Roland Garros war ein großes Aufzeigen und ich denke, sein Zeitfenster ist jetzt in den nächsten drei bis vier Jahren, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Ich bin überzeugt, dass er in diesem Zeitraum Paris einmal gewinnen wird."

APA: So gut es in der Relation im heimischen Herren-Tennis läuft, so schlimm sieht es seit Jahren im Damenbereich aus. Wie begründen Sie das?

Leitgeb: "Ich möchte kein Profil des jetzigen ÖTV abgeben. Ich sehe das als ein weit über den ÖTV hinausgehendes Problem. Ich sehe es sehr deutlich in Spanien. Wir haben im Mädchen-Ballsport in Österreich generell zu wenig Angebote. In Spanien siehst du keinen Unterschied, wenn Mädchen oder Buben im Alter von drei bis sechs Jahren einen Ball in die Hand nehmen und wie sie damit umgehen. Da gibt es sicherlich einige Probleme, die im Kindergarten schon beginnen und im Volksschulbereich sind. Wir haben generell das Problem, dass Mädchen zu wenig für Ballsportarten begeistert werden."

APA: Und auch in Sachen Sportstätten hat sich abseits vom Fußball wenig getan.

Leitgeb: "Ich beobachte es sehr kritisch und ich habe mich ja auch mit dem Sportforum Schladming drei Jahre bemüht, hier Inputs zu setzen. Ich muss aber am Ende des Tages sagen: ich habe 26 Jahre im Süden Frankreichs gelebt, lebe jetzt seit einigen Jahren in Spanien und wenn man dann Österreich mit diesen Ländern vergleicht, muss man einfach den resignierenden Schluss zulassen: Wir sind keine Sportnation."




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